Bin ich zu viel – oder einfach nur anders verdrahtet?
Es gibt Momente, in denen ich mich frage, ob ich eigentlich zu viel bin. Oder zu wenig. Oder einfach komplett falsch verdrahtet.
Ich gelte als offen, kommunikativ, sympathisch – sagen zumindest die Leute, die mich wirklich kennen. Ich bin meistens gut drauf, kann gut mit Menschen, bring andere zum Lachen.
Und trotzdem gibt es Situationen, in denen ich innerlich denke:
„Ich bin hier komplett falsch. Ich pass hier einfach nicht rein.“
Ich nenne es: Alien-Effekt
Ganz besonders deutlich spüre ich das auf für mich empfundene "Zwangsveranstaltungen".
Klassenfeste zum Beispiel. Elternabende. Irgendwelche Aufführungen mit Kuchenbuffet.
Ich gehe da hin – klar, für meine Kinder (und das mache ich ja auch gerne!) – aber während ich da stehe, mit meinem Wasserbecher in der Hand und einem leicht verunsicherten Lächeln im Gesicht, denk ich mir oft:
„Was mach ich hier eigentlich?“
Ich kenne kaum jemanden. Ich kann Smalltalk, aber nicht unter diesen Bedingungen. Ich hab meistens die Muffins vergessen. Oder sie gekauft, weil ich’s nicht geschafft habe, zu backen. Und dann werf ich sie in eine Tupperdose, damit es wenigstens ein bisschen so wirkt, als hätte ich mir Mühe gegeben.
Während alle um mich herum scheinbar mühelos plaudern, steh ich da mit meinem sozialen Antennenchaos, beobachte, analysiere, überdenke – und sag dann irgendwas völlig Unpassendes.
Oversharing, Level: Profi.
Ja das ist dann nämlich die andere mögliche Variante: Die Entertainerin die einfach nicht aufhört zu lächeln und zu labern.
Ich hör mich reden und denk gleichzeitig:
„Warum erzählst du DAS jetzt? Wen interessiert das? Und wie kommst du aus dieser Geschichte wieder raus, ohne wie ein kompletter Freak zu wirken?“
Wenn der innere Kritiker mit auf dem Fest ist
Was danach kommt, ist fast schlimmer als der Moment selbst:
Ich analysiere alles, was ich gesagt habe.
Alle Reaktionen.
Alle Blicke.
Ob jemand gelacht hat. Ob jemand irritiert geschaut hat. Oder ob ich mir das nur einbilde.
Spoiler: Ich bilde mir oft sehr viel ein.
Und obwohl ich eigentlich weiß, dass ich mit Menschen kann – dass ich empathisch, lustig, offen bin – fühl ich mich manchmal wie das einzige Zebra auf einer Giraffen-Party.
Warum ist das so?
Viele neurodivergente Menschen, besonders mit ADHS oder Autismus, erleben genau das:
Sie wirken sozial kompetent – und sind es auch – aber innerlich läuft ein komplett anderes Programm ab.
Reizüberflutung: Zu viele Eindrücke, Geräusche, Gespräche, Gerüche. Das Hirn versucht alles gleichzeitig zu verarbeiten – mit durchwachsenem Ergebnis.
Rejection Sensitivity (RSD): Die ständige Angst, falsch zu wirken, abgelehnt zu werden oder nicht dazuzugehören. Auch wenn niemand was gesagt hat.
Gedankenspiralen: Ein Satz – drei Stunden Nachdenken. Ein Blick – zehn Theorien, warum jemand komisch geschaut hat. Faden verlieren und versuchen ihn zu halten.
Soziale Erschöpfung: Diese Art von Situationen kostet unfassbar viel Energie. Während andere auftanken, verbrauch ich meine letzten Akkuprozent und bin danach nicht nur mental sondern auch physisch am Ende meiner Energie und Kräfte.
Fazit?
Ich bin nicht falsch.
Ich bin nicht zu viel.
Ich bin einfach anders verdrahtet.
Und das ist okay.
Ich schreib das hier, weil ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin, der es so geht.
Vielleicht fühlst du dich manchmal auch wie ein Alien im Raum.
Dann lass dir sagen: Du bist nicht allein.
Wir sind viele – wir sind nur manchmal leise, weil wir gerade damit beschäftigt sind, innerlich zu analysieren, ob wir komisch rüberkamen.
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