Ordnung & ADHS – Zwischen Sehnsucht, Wäschehaufen und Wirklichkeit

Ordnung und ich – das ist eine Geschichte mit vielen Kapiteln.
Spoiler: ein Happy End gibt’s manchmal, aber selten lange.

Es ist nämlich nicht so, dass ich Chaos toll finde. Ganz im Gegenteil.
Ich liebe Ordnung. Ich liebe es, wenn alles an seinem Platz ist, wenn ich Luft kriege, weil keine hundert Dinge auf jeder freien Fläche stehen.
Ich liebe sortierte Kleiderschränke, Schubladen mit System, leere Flächen und dieses innere „Ahhhh“-Gefühl, wenn man in einen frisch geputzten Raum kommt.

Ordnung beruhigt mich. Gibt mir Struktur. Sicherheit. Übersicht.
Wenn außen alles durcheinander ist, dann wird’s in meinem Kopf auch lauter.
Und der ist mit ADHS ja sowieso schon eine Dauerbaustelle.

Aber meine Realität?

Sie sieht oft (leider) anders aus.

Da liegt ein Sweatshirt auf dem Sofa (zum dritten Mal „nur kurz“).
Eine Tasse im Badezimmer auf der Heizung (fragt nicht).
Irgendwo ein Stapel mit Zetteln und/ oder Briefen, die „noch sortiert“ oder noch besser "bezahlt" werden müssen.
Und der bleibt da.
Erst stört er mich. Dann wird er unsichtbar. 

Mein Gehirn kann Dinge einfach weggucken.
Ich meine das ernst. Es blendet visuelle Reize irgendwann aus – als Schutzmaßnahme.
Ich sehe sie nicht mehr bewusst. Sie haben sich einfach integriert, so wie eine neue Deko.
Bis ich mit der sogenannten Besucherbrille durch die Wohnung gehe – also so tue, als käme gleich jemand vorbei. (ein ganz guter Trick sich selbst auszutricksen by the way!)
Dann plötzlich: Was ist DAS denn hier?!
Und wieso ist es da schon so lange?!

Aufräumen kann ich definitv. Aber nur unter bestimmten Bedingungen.

Es gibt Situationen, da kann ich richtig gut Ordnung machen.
Wenn mich der Hyperfokus erwischt, räume ich drei Zimmer um, sortiere das Gewürzregal alphabetisch und putze den Boden auf Knien. (geht bei kleinen Räumen einfach besser!)


Ich liebe es, Kleiderschränke zu sortieren.
Rausnehmen, zusammenlegen, nach Kategorien einsortieren, bewundenr was ich alles habe - zT noch mit Preisschildern dran (anderes Thema)– das macht mich glücklich.
Ordnung machen ist für mich kein Problem, wenn ich im Flow bin. Dann bin ich unaufhaltsam. Neben mir siehr Marie Kondo alt aus.

Aber – und jetzt kommt’s:
Ich schaffe es ganz oft nicht, überhaupt anzufangen.
Oder höre mittendrin auf, weil mein Gehirn plötzlich die Richtung verliert oder ein neues Thema spannender findet. Oder das vergessene Sticker Set findet, dass JETZT nochmal durchgeschaut werden muss. Oder von jetzt auf gleich ist die Energie einfach weg. Ausgeschaltet. Stecker gezogen


Dann bleiben 20% übrig – und mit denen liegt dann auch mein schlechtes Gewissen rum.

Und das Schlimme: Diese Reste machen es schwerer, beim nächsten Mal wieder loszulegen.
Weil die Gedanken "Das muss ich ja auch noch/ erst machen!" oder  „Das wird ja eh nicht fertig“ schon vorher im Raum stehen. 

Oder ein Teufelskreis von "wenn ich das jetzt mache, muss ich zuerst aber XY...und davor ja eigentlich Z..aber dafür müsste ich wiederum mit A anfangen..." und, man ahnt es vielleicht, dann geht vor lauter Denken kein Handeln mehr.

Fun Fact: Für andere krieg ich es besser hin. Für mich selbst? Schwierig.

Was wirklich schräg ist: Ich kann total gut für andere aufräumen.
Im Kinderzimmer? Super! Da sehe ich, was wohin gehört, ich finde clevere Lösungen, hab Ideen und Elan.
Aber wenn’s um meine eigene Ecke geht (aka der Rest des Hauses), bin ich wie blockiert.

Vielleicht, weil ich dann einen klaren Rahmen habe.
Eine Aufgabe mit Ziel. Jemand, für den ich es mache.
Und nicht für mich – mit tausend offenen Entscheidungen gleichzeitig.

Was hilft mir im Alltag? Gute Frage!

Ich hab mit der Zeit ein paar Strategien entwickelt, die mir helfen, mit meinem ADHS-Gehirn zu arbeiten statt gegen es.
Ein paar davon teile ich hier – vielleicht ist ja was für dich dabei:

Besucherbrille: Stell dir vor, gleich kommt jemand rein. Und plötzlich siehst du, was dein Gehirn tagelang ausgeblendet hat.

Pro-Hack: Ecken sauber machen.
Lieber ein Shirt auf dem Sofa liegen lassen – aber dafür Ecken, Spiegel und Waschbecken sauber. Das wirkt oft ordentlicher als „vordergründig aufgeräumt“, aber mit Staubwüste in den Ecken.

Buddy-System (light):
Es hilft manchmal, wenn jemand einfach nur da ist, während ich aufräume. Kein Helfen, kein Kommentieren – einfach nur da. Das kann den Unterschied machen zwischen "Ich schaff das nicht" und "Okay, ich fang an".

Timer statt Perfektion: 10-Minuten-Aufräum-Sprints bringen oft mehr als der Plan „heute alles grundreinigen“.

Und: Ich versuche, die 80%-Ordnung als Ziel zu akzeptieren.
Nicht alles wird perfekt sein. Nicht jeder Raum steril.
Aber wenn ich wieder Luft bekomme – reicht das schon.

Und was ich dabei gelernt habe:

  • Ordnung ist keine moralische Kategorie.
  • Sie sagt nichts über meinen Wert als Mensch aus.
  • Ich bin nicht faul, wenn ich nicht aufräume.
  • Ich bin nicht undiszipliniert, wenn ich Dinge nicht finde.
  • Ich bin neurodivergent. Mein Gehirn funktioniert anders.

Und das heißt: Ich darf mir andere Wege suchen. Andere Maßstäbe.
Ich darf Hilfe annehmen. Und auch mal lachen, wenn ich schon wieder auf Socken auf dem Küchentisch stoße.

Wenn du also auch diesen inneren Widerspruch kennst – dieses Bedürfnis nach Ordnung, das ständig mit der inneren Blockade kollidiert – dann:
Du bist nicht allein.
Und du bist nicht komisch.
Du bist nur anders verdrahtet.

Dein Wäscheberg sagt nichts über deinen Wert.
Und eine aufgeräumte Wohnung ist kein Beweis dafür, dass du dein Leben im Griff hast.
Sie ist einfach nur – aufgeräumt. Für einen Moment.

Und der kann schön sein.
Aber dein Leben ist auch mit Krümeln auf dem Tisch wertvoll.

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